Den Blick vertrauensvoll nach vorne gerichtet

Über das Leben als Vierfachmama, Pastorenfrau und Lehrerin

Claudia P. durfte ich schon vor einiger Zeit als sehr freundliche, offene und humorvoll-quirlige Frau und Mutter kennen lernen. Wir trafen uns sporadisch auf einem Mütter-Kind-Treff.

Wir konnten zwischen Kindern und Chaos immer mal wieder nette Gespräche führen und je öfter ich mit ihr sprach, desto sympathischer wurde sie mir. Ich erlebte sie als eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und sagt und erzählt, was Sache ist. Im positiven Sinne.

Claudia mit ihrem Ehemann Stephan

Nun durfte ich ihr ein paar Fragen stellen, die sie via Email beantwortet hat. Es wurde sehr ansprechend und interessant wie ich finde! Ihrer Aufforderung, den Text doch bitte bei Belieben zu kürzen bin ich nur in Maßen bis gar nicht nachgekommen…  😁

Ich werde auch sonst gar nicht großartig was dazu sagen: lest selbst! Anmerkung: Für Vielleser geeignet 😉

INTERVIEW

Hallo liebe Claudia. Schön, dass du bereit bist etwas aus deinem Leben zu erzählen.

Gerne, liebe Anna – danke für die Einladung zu diesem Interview.

Stelle dich doch bitte zuerst vor: Wer bist du und was machst du?

Ich bin als das älteste von vier Kindern aufgewachsen. Ich bin Mitte Dreißig (noch darf ich das guten Gewissens schreiben), seit 15 Jahren glücklich verheiratet, Mama von vier Kindern zwischen zweieinhalb und fast neun Jahren – ein Junge und drei Mädchen.

Claudias Kinder

Ich bin ausgebildete Volksschullehrerin und durfte 2004 meine erste Dienststelle im schönen Krumbach im Bregenzerwald antreten. Zwei Jahre später waren mein Mann und ich drei Jahre in Australien am Sydney Missionary and Bible College zum Theologiestudium. Steph hat einen„Bachelor of Theology“ gemacht und ich ein zweijähriges „Diploma“. Im dritten Jahr hatte ich die Gelegenheit am Goethe Institut in Sydney Deutschunterrichten, was eine sehr spannende Erfahrung war.

Nach unserer Rückkehr bin ich dann nochmals kurz in den Beruf eingestiegen und habe sowohl Teilzeit in der Sonderschule gearbeitet, als auch einen Alphabetisierungskurs für die Volkshochschule gegeben und an einem Nachhilfeinstitut unterrichtet. Im Jänner 2010 ist dann unser Sohn zur Welt gekommen. Seit da bin ich von meinem Beruf als Volksschullehrerin karenziert, habe allerdings immer wieder Sprachkurse in der Erwachsenenbildung unterrichtet, sowohl Deutsch als auch Englisch, was ich momentan auch einmal die Woche mache.

Bei uns in der Freikirche (Christliche Gemeinde Dornbirn) bin ich in der Mütterrunde engagiert, die sich jeden zweiten Mittwoch trifft – und ich koordiniere das Sonntagsschulteam für die schulpflichtigen Kinder.

Mein Mann Stephan ist seit September 2012 als Pastor der CGD tätig – ich bin also wohl eine „Pastorenfrau“, wie du richtig geschrieben hast – obwohl ich das Wort etwas sperrig finde. Allerdings versuche ich gerade, mich mit dieser Rolle etwas mehr anzufreunden, denn sie hat total schöne Seiten. Ich bin sehr froh, dass Stephan vor seinem Wechsel vom „Beruf in die Berufung“ sehr klar kommuniziert hat, dass wir beide in der Kirche nicht ein „2 zu 1“ Paket sind. Aber natürlich trage ich seine Rolle mit, sonst würde das nicht gehen – und es ist eine schöne Rolle, in der einem auch viel Vertrauen entgegengebracht wird. Das wissen wir beide zu schätzen.

Wie bist du mit dem Glauben an Gott in Berührung gekommen? Was war ausschlaggebend dafür, dass du dich für den Weg mit Jesus entschieden hast?

Ich bin keine waschechte Vorarlbergerin, obwohl ich in Bregenz geboren bin. Meine Großeltern mütterlicherseits kamen aus Wien, meine Oma väterlicherseits aus dem Tirol. Meine Eltern haben von Anfang an eine überkonfessionelle Ehe geführt – mein Papa war katholisch, meine Mama evangelisch. Somit war Glaube bei mir zu Hause immer irgendwie ein Thema. Als ich ungefähr sieben oder acht Jahre alt war, hat meine Mama Kontakt zu Christen aus verschiedenen Freikirchen geknüpft. Für sie war diese Art, den Glauben an Gott zu leben genau das, wonach sie gesucht hatte– das Lebendige und Persönliche daran hat sie angesprochen, denke ich.

So hat sie angefangen, uns Kinder mit in die Methodistengemeinde in Bregenz zu nehmen. Auch gab es eine gläubige Schweizerin bei uns im Ort, die jeden Freitagnachmittag eine so genannte „Kinderstunde“ angeboten hat. Da saß dann ein bunter Haufen Kinder auf ihrem Sofa, wir haben Lieder gesungen, sie hat uns biblische Geschichten erzählt, die anschaulich mit Bildern auf der Flanelltafel illustriert wurden – und am Ende gab es dann noch eine spannende Geschichte von Christen in fernen Ländern und eine Bastelarbeit. Das hat mir gefallen. Elisabeth, so hieß die Dame, hat uns auch erklärt, wie Gott uns als Kinder einlädt zu ihm zu kommen – und dass wir „Jesus in unser Herz einladen dürfen“. Der Gedanke hat mich wohl bewegt, denn ich wollte dann unbedingt an Heiligabend mit meiner Mama beten, dass Jesus zu mir in mein Herz kommt. Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis für mich als Kind – diese Begegnung mit einem Gott, der Kinder ernst nimmt. Das war so meine erste Berührung mit diesem persönlichen Glauben an Gott – und das war wertvoll für mich. Ich habe Gott als meinen „guten Hirten“ erlebt.

Über die Jahre fand ich es dann allerdings immer herausfordernder mit diesem Glauben – so viele Regeln, so viele Ansprüche, denen ich versuchte gerecht zu werden. Da kam ich ordentlich an meine Grenzen – als Außenseiterin in der Schule, die versuchte, immer alles perfekt zu machen – und mit 14/15 dann auch ohne Freunde in der Freikirche, weil es einfach niemanden in meinem Alter gab.

Das war so meine erste Glaubenskrise würde ich sagen. Ich habe Gott praktisch ein Ultimatum gestellt: „Herr,entweder du schenkst mir Freunde – oder ich lasse das mit dem Glauben. So wie es ist, funktioniert es für mich nicht.“ Ich würde das nicht unbedingt empfehlen… aber in meinem Fall war es rückblickend eine totale Chance, dem lebendigen Gott neu zu begegnen. Ich habe zum ersten Mal mit Gott gerungen, war ehrlich in meinem innerlichen Chaos – und Gott ist darauf eingegangen. Deshalb gefallen mir wohl auch diese ungeschliffenen Charaktere in der Bibel so gut,wie Jakob, der mit Gott ringt – oder Jonah, der davonrennt, als Gott ihm einen Auftrag gibt. Das Ganze hat dann dazu geführt, dass ich Kontakt zu einer Jugendgruppe in einer der anderen Freikirchen aufgenommen habe – und dadurch haben sich für mich unglaublich viele Türen geöffnet. Ich konnte meine Fragen stellen, ich habe tiefe Freundschaften geknüpft, ich bekam Gelegenheit mich in der Jungschararbeit und im Musikteam einzubringen – und in all dem ist mein Glaube und mein Vertrauen auf Jesus gewachsen.

Ich denke, am Ende bin ich Gottes Gnade begegnet – dem Gott, vor dem ich nicht perfekt oder gut genug sein muss, bei dem ich nichts leisten muss, um angenommen zu sein – wo ich Fehler machen darf. Und auch der Gott, der meinem Intellekt und meinen Fragen standhält, auch wenn ich nicht auf jede die Art Antwort bekomme, die ich gerne hätte. Das war ein rechter Befreiungsschlag für mich.

Du hast vier Kinder, das stelle ich mir nicht immer leicht vor: Wie regelst du das im Alltag? Wie schaffst du es, alles unter einen Hut zu bekommen bzw. allen und allem gerecht zu werden?

Um ehrlich zu sein: Gar nicht. Ich bringe oft nicht alles unter einen Hut – zumindest nicht so, wie ich gerne würde. Meistens fühle ich mich wie ein Jongleur, der versucht, einen oder zwei Bälle mehr zu jonglieren, als es seine Fähigkeiten erlauben.

Ich werde schlicht und einfach nicht allen und allem gerecht. Ich wünschte, ich könnte jetzt sagen: es führt mich dann immer zu Gottes Gnade… oft führt es einfach dazu, dass ich gefrustet bin. Und danach irgendwann führt es mich zu Jesus, der für gefrustete, überforderte Menschen wie mich gekommen ist, um das perfekte Leben zu leben, das ich nicht leben kann. Dann ist es eine Gelegenheit, meinen Perfektionismus aufzugeben – und zu üben, Gott zu lieben und die Menschen um mich herum zu lieben. Das finde ich schwierig, lieber würde ich alles immer super erledigt haben.

Praktisch gesehen habe ich schon einiges dazu gelernt über die Jahre – ich bin dankbar für viele andere Mamas in meinem Leben, die mir immer wieder Einblicke und praktische Tipps gegeben haben. Inzwischen gibt es einen sich wiederholenden sechswöchigen Menüplan, es gibt jede Woche fixe Zeiten für Einkäufe, Vormittage, an denen der Haushalt etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt, einen Abend für uns als Paar, einen Familienabend. Diese Strukturelemente helfen – aber sie sind eben nur ein Leitfaden, das echte Leben lässt sich da nicht reinpressen. Momentan stehen gerade wieder alle Körbe mit gewaschener Wäsche im Bad und warten darauf, dass sie jemand zusammenlegt.

In einem Gespräch hast du mir erzählt, dass es euch und auch deinem Mann wichtig ist, Zeit mit euren Kindern zu verbringen. Wie ist das mit dem doch sehr zeitintensiven Job deines Mannes vereinbar?

Ich bin sehr dankbar, dass uns beiden während unserer theologischen Ausbildung sehr klar vermittelt wurde, wie wichtig die richtigen Prioritäten im pastoralen Dienst bzw. der Gemeindearbeit sind. Zuerst kommt die persönliche Beziehung zu Gott. Dann kommt die Beziehung zum Ehepartner und den Kindern – und erst danach kommt die Gemeinde. Sobald sich diese Reihenfolge umdreht, geht das Schiff früher oder später unter. Ich bin froh, dass wir 2012 mit dieser Perspektive in die Gemeindearbeit starten durften, dass es am Ende nicht Stephans Arbeit ist, sondern Gottes Arbeit –Gott verwendet uns, er lässt uns mitarbeiten, aber es hängt nicht von uns ab.Wie es in 1. Korinther 4 sinngemäß heißt: Der eine sät, der andere gießt – aber das Wachstum schenkt alleine Gott. Diese Sicht nimmt total den Druck raus.Stephan ist auch jemand, der gut „nein“ sagen kann – er kann damit leben, dass etwas nicht oder nicht perfekt gemacht ist, dass Erwartungen von Leuten vielleicht nicht erfüllt werden. Ich stehe da viel eher in der Gefahr,niemanden enttäuschen zu wollen – drum bin ich froh, dass er Pastor ist und nicht ich.

Aber um deine Frage nun zu beantworten: Wir haben fixe Zeiten jede Woche eingeplant, die uns als Familie gehören – das hilft. Durch die flexible Arbeitszeiteinteilung meines Mannes haben wir an den meisten Tagen mindestens zwei, oft sogar drei Mahlzeiten zusammen als Familie. Fast hätte ich gesagt „genießen wir“ – das wäre allerdings eine zu hoch gegriffene Formulierung. Oft ist das weder harmonisch noch speziell entspannend – und doch unglaublich wertvoll. Es passiert einfach das echte Leben mit Konflikten und allem, was dazu gehört. Und wir verbringen es zusammen. Was ebenfalls hilft, ist, dass wir keinen Fernseher haben – wir setzen uns miteinander auseinander, oft im wahrsten Sinne des Wortes. Wir wohnen in einer verhältnismäßig kleinen Wohnung, was dazu führt, dass wir viel zusammen raus gehen – Aktivitäten im Freien. Einfach Unternehmungen in der Natur. Seit September hat Stephan angefangen, sich am Morgen ein paar Minuten Zeit für eine Andacht mit unserem Ältesten zu nehmen (der ein totaler Frühaufsteher ist). Solche Gelegenheiten versuchen wir zu nutzen. Aber ja, es ist herausfordernd – insbesondere, mit einzelnen Kindern Zeit zu finden (nicht nur mit allen).

Du bist von Beruf Lehrerin. Wie sehr beeinflusst diese Berufswahl den Umgang mit deinen Kindern? Hilft es, pädagogisches Wissen abrufen können?

Da bekommst du wohl eine klassische Politikerantwort von mir: ja und nein. Ehrlich gesagt zweifle ich seit ich Kinder habe immer wieder stark an meinen pädagogischen Fähigkeiten.

Ich finde den Eltern-Alltag aus mehreren Gründen ausgesprochen herausfordernd, insbesondere was meinen Umgang mit Emotionen betrifft, sowohl meine eigenen als auch die der Kinder.

Im Sturm eines Emotionsausbruchs ist es oft mit pädagogischem Wissen nicht mehr weit her – vor allem ist es einfach nicht abrufbar und somit nicht nutzbar. Ich bin sehr froh um eine kurze Interaktion, die ich zwischen dem dritten und vierten Kind mit dem Direktor meiner Stammschule hatte – ich hatte vorsichtig meine pädagogischen Selbstzweifel etwas durchscheinen lassen. Daraufhin hat er gemeint: „An den eigenen Kindern darfst du deine pädagogischen Fähigkeiten nicht messen – das ist ganz etwas anderes!“ Nahe Beziehungen und Berufsbeziehungen lassen sich einfach nicht wirklich vergleichen.

Insgesamt denke ich schon, dass ein Teil meiner pädagogischen Ausbildung und Erfahrung in intuitives Wissen übergegangen ist – und da ist es wohl wie alles, was wir im Leben lernen, eine Hilfe. Seit Herbst 2018 haben wir bereits zwei Kinder in der Volksschule – und ich bin sehr dankbar, dass das Thema Schule insgesamt sehr stressfrei für uns als Familie ist. Ob das nun mit meinen pädagogischen Kompetenzen in Verbindung gebracht werden kann, weiß ich nicht – eine direkte Korrelation wage ich zu bezweifeln. Mein beruflicher Hintergrund gibt mir allerdings schon die Sicherheit, dass ich schnell sehe, ob grundsätzlich alles im grünen Bereich ist, was das Schulische betrifft – und dass ich den Kindern gegenüber mit viel Selbstsicherheit auftreten kann, wenn es um Hausaufgaben oder Ähnliches geht.

Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit ein kurzes Gespräch über christliche Kindererziehung via Facebook. Magst du deinen Standpunkt nochmals kurz erläutern?

Ha, da muss ich jetzt mal schnell nachschauen gehen, was ich damals so von mir gegeben habe – nicht, dass ich mir hier am Ende selbst widerspreche!

Ja, ich hatte in der Vergangenheit auch so meine Schwierigkeiten mit manchen Aspekten sogenannter„christlicher Kindererziehung“. Da sind einige tendenziell problematische Ideen im Umlauf – und doch bin ich nicht bereit, meine christlichen Überzeugungen als solche aus dem Fenster zu werfen, wenn es um das Thema Erziehung geht. Ich denke, es ist am Ende ähnlich wie bei den Tassen – eine Tasse wird auch nicht besser, nur weil ein Bibelspruch draufsteht…wir müssen also aufpassen, dass wir nicht Dinge als „christlich“ wahrnehmen, nur weil sie irgendwie so verpackt wurden.

Ich persönlich gehe da am liebsten zurück zur Quelle, sprich: zur Bibel, um zu hören, was Gott sagt. Und das Interessante ist ja, dass es da in dem Sinn gar keinen Bibeltext zum Thema Kindererziehung gibt. Um mich selbst aus unserem Facebook-Gespräch zu zitieren: Es gibt ein paar Verse, ein paar Stellen, die das Thema Erziehung berühren, ja – aber die wollen im Kontext betrachtet werden. Mir hat am meisten geholfen, wie jemand mal in Bezug auf Bibel und Kindererziehung gesagt hat: Kinder sind auch Menschen. Deshalb gelten alle Aussagen, die über den Umgang mit unseren Mitmenschen gemacht werden, auch für unsere Kinder (und sei es in unseren schlechtesten Momenten: „Liebe deine Feinde“). Tada –schon kannst du die ganze Bibel als Buch über Kindererziehung lesen – und da man wird als Eltern ganz schnell ganz demütig und betet dann gern um Weisheit von Gott und viiiiiiel Gnade für alle Beteiligten.

Mein Blick auf dieses Thema wurde von unterschiedlichen Leuten über die Jahre beeinflusst und geprägt –erwähnen möchte ich hier sowohl die Ideen von Elyse Fitzpatrick, deren Buchtitel „give them grace“ for mich ein wunderbares Motto für christliche Kindererziehung ist – und Harriet Connor, eine Freundin aus Australien die ich von SMBC – dem College, an dem ich studiert habe – kenne. Harriet hat ein Buch zum Thema Kindererziehung geschrieben, als sie selbst an ihre Grenzen stieß –es ist zurzeit nur auf Englisch verfügbar und heißt „Big picture parents –ancient wisdom for modern life“. Ich kann es wärmstens empfehlen – allerdings es ist in keinster Weise eine klassische „How-to“-Anleitung.

Was ist dir an deiner Ehe ganz besonders wichtig? Welches Bild von euch wollt ihr nach außen tragen?

Das Wichtigste an unserer Ehe ist mir, dass wir einander mögen, dass wir zuallererst gute Freunde sind – und dass ich weiß, dass Gott unsere Beziehung trägt, weil jeder von uns als einzelner mit Jesus unterwegs ist.

Ich wünschte, ich könnte das besser formulieren. Ich liebe schon seit längerer Zeit ein Lied von den „common linnets“, das heißt„better than that“. Darin geht es darum, wie einer in der Beziehung immer denkt: „Jetzt, und der andere verlässt mich – jetzt bin ich zu weit gegangen, jetzt hat der andere zu viel von meiner dunklen Seite gesehen“ – und der andere sagt: „You should know me better than that“ – „du solltest mich besser kennen“ (als das zu befürchten)!

Und das drückt für mich so schön meine Beziehung zu Gott aus, dieses „in der Liebe ist keine Furcht“ aus 1. Johannes 4,18 – und auch meine Ehe mit Stephan. Wenn sich Abgründe auftun in mir, wenn ich denke: „das war’s!“ – dann ist es diese Art von Liebe, die über das Maß hinaus trägt und hält. Unverdient – und ohne Bedingungen. Natürlich kann menschliche Liebe das nur bis zu einem gewissen Grad leisten, deshalb bin ich so dankbar, dass wir beide von Gottes Liebe getragen werden. 

Was würdest du am Liebsten mal allen sagen? Gibt es etwas, was du weitergeben möchtest?

Du stellst schwierige Fragen, Anna! Ich denke, ich würde manchmal am liebsten allen einmal sagen, dass sowohl Pastoren, als auch ihre Frauen, als auch Lehrerinnen und Lehrer als auch Mamas (und Papas) alles Menschen sind! Menschen, die es grundsätzlich gut meinen mit denen, die ihnen anvertraut sind. Menschen, die investieren, die von sich geben, sich verletzlich machen, die Fehler machen und Fehler haben, die selber wachsen und lernen. Nicht mit dem Ziel, diese Fehler zu entschuldigen – sondern um einander auf Augenhöhe zu begegnen.

Wir sitzen am Ende alle im selben Boot, wir alle brauchen Gottes Gnade, und voneinander Barmherzigkeit und realistische Erwartungen.

Ich ertappe mich selbst immer wieder, wie schnell ich andere verurteile – und umgekehrt, wie ich mich vor dem Urteil anderer fürchte. Es ist unglaublich erfrischend und heilsam, einander in Offenheit, einer gewissen Verletzlichkeit und grundsätzlichem Wohlwollen zu begegnen. Das würde ich mir mehr wünschen in allen meinen Beziehungen und Begegnungen.

Oh, ich weiß – etwas, was damit zusammenhängt: das Wort „Sünde“ würde ich wahnsinnig gern rehabilitieren, wenn ich könnte! Ich finde es nämlich paradoxerweise so ein unglaublich befreiendes Wort – und es ist uns im alltäglichen Sprachgebrauch fast komplett abhanden gekommen, (außer wir reden über ungesundes Essen, das wir in übertriebenen Maßen zu uns genommen haben). Ich finde es so ein hilfreiches Konzept, nicht von Fehlern oder Fehltritten zureden – sondern von ebendieser abgrundtiefen Dunkelheit, die in jedem von uns schlummert und immer wieder zum Vorschein tritt. Und plötzlich ergibt so vieles Sinn – in uns selber, in unseren Beziehungen, in dieser Welt. Plötzlich erübrigt sich die Frage „Wie konnte das nur geschehen?!“. Plötzlich weiß ich dann nämlich: dass ich gewisse furchtbare Dinge nicht tue oder sage liegt oft weniger an meiner moralischen Überlegenheit, sondern vielmehr an einem „Mangel an Gelegenheit“, sprich: besseren Voraussetzungen.

Wir sind nicht einfach alle toll und super und geben unser Bestes (und machen halt hie und da einen Fehler). Die Welt ist nicht einfach nur schön und voller wunderbarer Gelegenheiten, die man halt ergreifen muss. Nein, wie Alexander Solschenizyn, der russische Schriftsteller und Gulag-Überlebende es so treffend formuliert hat, verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse nicht zwischen Staaten oder einzelnen Personen, sondern mittendurch das Herz jedes einzelnen Menschen. Und doch gibt es Hoffnung – eine Hoffnung, die mehr ist als ein Persönlichkeits-Optimierungs-Projekt. Ich finde diese Hoffnung in Jesus Christus – er ist das Licht in meiner Dunkelheit, weil er von mir nicht „arbeite an dir selber“ verlangt, sondern sagt: „Kommt zu mir,alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich will sie euch abnehmen. (..) So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Matthäus 11,28-30) Und das ist nur wertvoll für mich, wenn ich um meine Last weiß und sie ehrlich benennen darf, anstatt meine Fassade vor mir selbst und anderen zupflegen. Das Konzept „Sünde“ macht das Geschenk der Gnade so wertvoll. Es gibt uns den Ausgangspunkt, um Gottes Gnade zu erfahren – und anderen mit Gnade und Großzügigkeit zu begegnen, v.a. auch unseren Kindern.

Danke, dass du bereit warst, etwas aus deinem Leben zu erzählen! 🧡

Claudia mit ihrer Familie

Interessante Links zum Text:

www.cgd.at bzw. www.freudeangottfinden.at (unsere Freikirche / Gemeinde)

www.harrietconnor.com (Der Blog meiner Freundin Harriet, die mir in puncto christliche Erziehung / Elternsein sehr geholfen hat.)

www.smbc.com.au (Das australische College, an dem mein Mann und ich studiert haben.)

www.publicchristianity.org („Der Gott, der meinem Intellekt und meinen Fragen standhält“ – da haben mir Blogs, wie dieser hier, geholfen.)


Die Bildrechte gehören ausschließlich Claudia P. und dürfen ohne ihr Einverständnis nicht weiterverarbeitet werden! 

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